Shopware Community Day 2026: Was wirklich wichtig war

Der Shopware Community Day ist kein klassisches Branchen-Event, bei dem man von Session zu Session hetzt und am Ende mit einem Stapel Visitenkarten nach Hause fährt. Wer gestern im Confex

Der Shopware Community Day ist kein klassisches Branchen-Event, bei dem man von Session zu Session hetzt und am Ende mit einem Stapel Visitenkarten nach Hause fährt. Wer gestern im Confex Köln war, hat etwas anderes erlebt: eine Veranstaltung, die sich im Ton spürbar verändert hat. Weniger “Seht her, was wir gebaut haben” — mehr “Hier ist, wo Commerce in zwei Jahren steht. Seid ihr dabei?”

Ich war dabei. Und ich nehme einiges mit, das ich in den nächsten Wochen noch verarbeite.

Wer war im Saal?

Das Confex ist kein riesiges Kongresszentrum — das ist eine bewusste Entscheidung von Shopware. Der SCD ist kompakt, fokussiert, nicht auf Massenreichweite ausgelegt. Im Saal saßen vor allem drei Gruppen: Shopware-eigene Leute und Partner, mittelständische Händler und Hersteller mit eigenen Digitalteams sowie Agentur-Entwickler, die mehr auf die Technik-Sessions aus waren als auf die Keynote.

Was auffiel: Die Händler-Fraktion wird Jahr für Jahr stärker. Nicht mehr nur die Early Adopter, die 2017 auf Shopware 6 umgestiegen sind und seitdem experimentieren. Sondern Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern, die konkrete operative Fragen mitbringen. Wann lohnt sich Headless? Wie migriere ich aus der alten Lizenzsoftware heraus? Was kostet KI tatsächlich im Betrieb?

Das ist das Publikum, für das der SCD 2026 im Kern gemacht war. Und das merkte man an jedem Slot.

Die Keynote: Sebastian Hamann — Agentic Commerce und Human-Led

Sebastian Hamann, CEO von Shopware, hat Keynotes, die nicht versuchen, alles zu sein. Er macht keine 90-minütigen Produkt-Demos. Er setzt ein Bild. Das Bild gestern war zweigeteilt — und genau das hat mich überrascht.

Auf der einen Seite: Agentic Commerce. KI-Agenten übernehmen zunehmend die Rolle des “Dazwischen”. Sie stehen zwischen dem Kunden und dem System. Zwischen dem Einkauf und dem ERP. Zwischen der Produktdaten-Pflege und dem Kanal. Shopware positioniert sich dabei nicht als KI-Anbieter, sondern als Plattform, die für diesen Agenten-Layer gebaut ist.

Auf der anderen Seite — und das war der Satz, den ich so nicht erwartet hatte: Commerce bleibt menschlich. Hamann hat explizit betont, dass Emotionen weiterhin eine entscheidende Rolle spielen werden. Kaufentscheidungen, gerade im B2C, sind keine logischen Optimierungsprobleme. Agenten können Prozesse automatisieren, aber das Erlebnis, das einen Kunden zum Wiederkommen bringt, entsteht nicht durch Automatisierung allein. Human-Led Commerce war der Begriff: Technologie im Dienst des Menschen, nicht als Ersatz.

Das ist eine Position, die ich für ehrlicher halte als das, was man auf anderen Plattform-Events hört. Shopware sagt damit sinngemäß: Wir bauen KI-Werkzeuge, aber wir glauben nicht, dass die Emotion aus dem Kaufprozess verschwindet. Das ist auch eine geschäftliche Aussage, keine philosophische.

Joachim Weber hat auf der technischen Seite den Agentic-Commerce-Gedanken aufgegriffen. Konkrete Szenarien: ein KI-Agent, der regelmäßig Lagerbestände prüft und Nachbestellungen auslöst. Ein Agent, der Produktbeschreibungen aktualisiert, sobald sich technische Daten im PIM ändern. Ein Agent, der auf Basis von Preisänderungen beim Wettbewerb automatisch einen Freigabe-Workflow im Backoffice triggert.

Das ist kein Roadmap-Feature-Theater. Das sind Workflows, die in Shopware-nahen Projekten heute schon laufen.

Hamanns “Human-Led”-Botschaft war der klügste Zug der Keynote. Shopware sagt nicht: KI ersetzt den Menschen. Shopware sagt: KI übernimmt die Routinen, damit Menschen das tun können, was Technologie nicht kann — Vertrauen aufbauen, Beziehungen gestalten, Kauferlebnisse schaffen, die bleiben. Das ist eine differenziertere Position als “Automatisierung ist die Zukunft”. Und eine ehrlichere.

Shopware Experience Cloud

Eine der konkreten Produktankündigungen des Tages: die Shopware Experience Cloud. Shopware adressiert damit einen Bereich, der bisher in Einzellösungen fragmentiert war — die gesamte Erfahrungsschicht zwischen Produktdaten und dem Moment, in dem ein Käufer eine Entscheidung trifft.

Die Shopware Experience Cloud ist kein eigenständiges System, sondern eine neue Schicht auf der Shopware-Plattform, die Experience-Elemente — Personalisierung, Inhalte, Empfehlungen, Sucherlebnisse — direkt mit Commerce-Daten verbindet. Statt mehrere Tools zu integrieren, soll der Händler eine einheitliche Steuerungsebene bekommen.

Was das konkret bedeutet, hängt von der Implementierung ab. Shopware hat Demos gezeigt, keine produktiv laufenden Deployments. Aber die Richtung ist klar: Die Plattform will näher an den Punkt, wo Kaufentscheidungen entstehen — und weniger reine Infrastruktur bleiben.

Für Betreiber, die heute Shopware als transaktionalen Backend-Layer nutzen und Experience-Themen über Drittlösungen lösen, ist das eine relevante Beobachtung. Ob die Shopware Experience Cloud die bestehenden Lösungen ersetzen kann, wird die Praxis zeigen.

Nexus: Shopwares neuer Integrations-Layer

Nexus war die technisch interessanteste Ankündigung des Tages. Shopware hat damit einen eigenen Integrations-Layer vorgestellt, der die Verbindung zwischen Shopware und externen Systemen — ERP, PIM, CRM, Marktplätze — strukturierter und wartbarer machen soll.

Das Problem, das Nexus adressiert, ist bekannt: Custom-Schnittstellen wachsen in Projekten historisch, sind schlecht dokumentiert und brechen bei Plattform-Updates. Nexus soll einen standardisierten Weg bieten, wie Shopware mit der Außenwelt kommuniziert — und damit auch die Upgrade-Fähigkeit von Projekten verbessern.

Zum Zeitpunkt des SCD ist Nexus noch in einer frühen Phase. Was gezeigt wurde, war ein Architekturkonzept mit ersten Referenzimplementierungen, keine fertige Lösung. Shopware hat das auch so kommuniziert. Die Richtung ist aber konsistent mit dem, was viele Agenturen und Integratoren seit Jahren fordern: weniger proprietäre Schnittstellen-Stückwerk, mehr standardisierte Konnektivität.

Für Projekte mit komplexen ERP- und PIM-Anbindungen ist Nexus eine Entwicklung, die man im Blick behalten sollte — auch wenn heute noch kein Handlungsbedarf besteht.

Nexus und Shopware Experience Cloud zeigen, wohin Shopware sich entwickelt: weg von einer reinen Shop-Software, hin zu einer Commerce-Plattform mit eigener Integrations- und Experience-Schicht. Das ist ein Richtungswechsel, der Zeit braucht. Wer heute Shopware-Projekte plant, sollte diese Entwicklung in die Architektur-Überlegungen einbeziehen — ohne auf unfertige Features zu warten.

Complex B2B Commerce: Die angekündigten Features

Im B2B-Track wurde es konkret. Shopware hat mehrere Funktionen vorgestellt und angekündigt, die ich kurz einordnen will:

B2B Components weiterentwickelt: Die modularen B2B-Komponenten sind kein Monolith mehr. Händler können einzelne Bausteine — Angebotserstellung, Genehmigungsworkflows, Schnellbestellung — unabhängig voneinander aktivieren und konfigurieren. Das senkt die Einstiegshürde.

Order Management für komplexe Strukturen: Shopware arbeitet an einem erweiterten Order-Management, das mehrstufige Freigabeprozesse abbildet. Relevant für Hersteller, bei denen Bestellungen durch Kostenstellen und Budgetgrenzen laufen müssen, bevor sie ausgelöst werden.

Multi-Mandanten-Szenarien: Für Unternehmen mit mehreren Vertriebsregionen oder Marken auf einer Plattform wird die Multi-Mandantenfähigkeit ausgebaut. Noch in der Roadmap, aber mit konkretem Zeithorizont.

Was ich nicht gehört habe: Aussagen zu Preisgestaltung und Migrationspfaden für Bestandskunden, die noch auf älteren Lizenzen laufen. Das ist das Thema, das im Mittelstand tatsächlich entscheidet — nicht die Feature-List.

Was das für Shopware-Betreiber bedeutet

  1. Datenfundament zuerst. Agentic Commerce und die Shopware Experience Cloud funktionieren nur, wenn die Produktdaten sauber sind. Ein KI-Agent, der auf inkonsistente Artikeldaten zugreift, produziert Fehler in Echtzeit. Wer Shopware als KI-ready aufstellen will, fängt bei PIM und Datenqualität an — nicht beim KI-Feature.
  2. B2B-Readiness prüfen. Die neuen B2B Components sind modular und deutlich zugänglicher als frühere Suite-Lösungen. Wer B2B heute noch mit Workarounds abbildet, sollte prüfen, ob die Components das bereits lösen.
  3. Versionspflege nicht weiter aufschieben. Die KI-Integrationen und Nexus-Features setzen aktuelle PHP- und Shopware-Versionen voraus. Wer auf älteren Versionen läuft, wird an den neuen Features nicht partizipieren können.
  4. Human-Led ernst nehmen. Hamanns Botschaft war kein Absatz für die Pressemitteilung. Wer Shopware mit reiner Automatisierungs-Logik plant, wird Erlebnisse bauen, die effizient sind — aber nicht kaufentscheidend. Das ist ein Planungsthema, kein Feature-Thema.

Persönliches Fazit

Ich fahre von Köln zurück und nehme zwei Dinge mit, die ich noch nicht vollständig auflösen kann.

Das erste: Shopware hat auf dem SCD 2026 gezeigt, dass sie die Richtung kennen. Agentic Commerce, Shopware Experience Cloud, Nexus, Human-Led — das sind keine aufgesetzten Buzzwords. Dahinter steckt eine konsistente Produktvision, die ich seit Jahren nicht so klar aus Shopware-Richtung gehört habe. Und die Balance zwischen KI-Automatisierung und der expliziten Aussage, dass Emotionen und menschliche Entscheidungen bleiben werden — das ist eine reife Positionierung.

Das zweite: Die Lücke zwischen dieser Vision und dem operativen Alltag der meisten Shopware-Kunden ist groß. Nicht weil die Kunden zu langsam sind. Sondern weil Migration, Datenpflege und Versionswechsel echte Investitionen sind, die auf den Keynote-Slides nicht auftauchen. Der SCD adressiert das zu wenig.

Was ich mir für den SCD 2027 wünsche: weniger Ausblick, mehr Handwerk. Ein ganzer Track für Shopware-Betreiber, die nicht auf der Innovationskurve, sondern im Migrations-Alltag stecken. Das wäre der ehrlichste Service an der Community.